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Ein Tag am Kanal Teil 2...oder: Alles wird gut

Ein Bericht von Ernst Weerts

Zwei Tage später - 19.30 Uhr - ich bin früher am Wasser als ich erwartet hatte. Auf dem Weg von der Arbeit zum Kanal habe ich mir einen Hamburger gekauft, den ich verdrücken werde, wenn alle Fallen im Wasser liegen. Schirm, Liege und Ruten aufbauen, die Montagen mit dem Boot rüberfahren, alles läuft in Routine und ohne Komplikationen ab – genau wie ich es am liebsten mag.

Nach einer guten Stunde sitze ich am Wasser, es ist ein herrlicher, lauwarmer Sommerabend. Der Hamburger schmeckt hervorragend und ist sogar noch ein bisschen warm. Nach dem Essen lege ich mich auf die Liege und lese ein wenig. Um 22.10 Uhr - das Buch habe ich vor 20 Minuten weggelegt und döse ein wenig mit halbgeschlossenen Augen vor mich hin - meldet sich die mittlere Rute lautstark.

Der Bann ist gebrochen

platzDer Bann ist gebrochen...
Erst geht ein Ruck durch die Rute, dann folgt ein langgezogenes PIEP und der Swinger fällt nach unten durch – Fallbiss. Der Fisch am anderen Ende wehrt sich einige Minuten, zieht immer wieder einige Meter Schnur von der Rolle. Dann legt er sich doch irgendwann auf die Seite und ich kann ihn in den Kescher dirigieren. Die Waage zeigt 19 Pfund. Schöner kann ein Ansitz nicht beginnen und egal was heute noch passiert ich bin schon jetzt tief zufrieden. Nachdem der Haken wieder auf seinem Platz liegt (den Boilie hatte ich nicht ausgetauscht, er war ja gerade erst 2 Stunden im Wasser gewesen...) werden schnell noch ein paar SMS verschickt, da ich einigen Freunden versprochen hatte mich hören zu lassen wenn sich hier am Kanal bei mir was tut.

Harald schreibt zurück, dass er mich am nächsten Tag gegen 11 Uhr besuchen kommen wird und ob ich dann bitte um 11 Uhr in seiner Anwesenheit eben einen Fisch fangen könnte.
„Mal sehen, was ich einrichten kann, das wird schon klappen.“ schreibe ich spaßeshalber zurück. Haralds Gesicht möchte ich sehen, wenn wirklich zur bestellten Uhrzeit ein Fisch beißen würde. Meiner Freundin noch eine Gute-Nacht-SMS geschrieben und schon schlummere ich tief und fest.

"Plötzlich stehe ich am Wasser und drille..."

Gegen 2 Uhr werde ich geweckt. Als ich einigermaßen die Augen aufmachen kann stehe ich schon mit der rechten Rute in der Hand am Wasser und versuche Schnur zu gewinnen. Der Fisch wehrt sich nur halbherzig und ich habe ihn recht schnell herangekurbelt, nach halber Strecke merke ich kaum noch Wiederstand und bin mir gar nicht sicher ob er noch hängt.
Dann 5 Meter vorm eigenen Ufer sitzt die Schnur fest. Egal was ich mache, es gibt kein vor und kein zurück, den Fisch am anderen Ende spüre ich gar nicht mehr, er scheint ab zu sein. Ich überlege kurz mit dem Boot der Sache auf den Grund zu gehen, entschließe mich aber im Dunkeln dagegen und lege die Rute mit offenem Bügel auf das Pod um die Montage vielleicht morgen früh bei Licht noch irgendwie lösen zu können.

Gerade will ich wieder unter meinen Schirm, als die mit Mais beköderte linke Rute einen einzelnen zaghaften Pieper von sich gibt. Der Swinger ist ein ganz klein wenig tiefer als er sein sollte. Ich hocke neben der Rute, warte, bin bereit beim nächsten Pieper die Rute hochzureißen....aber die nächsten 2 Minuten tut sich nichts mehr. Ich spanne die Schnur ein wenig nach und gerade bin ich wieder an der Liege angekommen, als...PIEP. Ich drehe mich um und der Swinger ist wieder 2 Zentimeter gefallen.
Diesmal warte ich nicht, sondern nehme gleich die Rute in die Hand. Meter für Meter wickele ich die Schnur auf, irgendetwas hängt auch an der Angel, aber es kann kein Karpfen sein. Ein dicker Brassen, von gut 3 Pfund hat sich die Maiskörner einverleiben wollen und sich dabei lehrbuchmäßig in der Unterlippe gehakt. Ich löse den Haken im Wasser und er schwimmt wieder seiner Wege.

...ein rotes Leuchten!

platz...ein rotes Leuchten!
Ich beschloss die Rute mit Mais wieder fertig zu machen und anschließend erneut auf die andere Seite zu fahren. Gerade suche ich mir zwei geeignete Körner aus dem Eimer, als ich aus den Augenwinkeln ein rotes Leuchten wahrnehme.

Da ich während des „Drills“ kurz an der Schnur der mittleren Angel fest hing, hatte ich den Bissanzeiger der mittleren Rute auf lautlos gestellt und so leuchtet und blinkt er nun stumm durch die Nacht und hofft dass er trotzdem bemerkt wird.

"Der erste Kescherversuch gelingt!"
Als ich die Rute in die Hand nehme zieht der Fisch noch immer Schnur von der Rolle, obwohl der Freilauf recht stramm eingestellt ist. Auch über die normale Bremse zieht er noch einige Meter von der Rolle, dann kann ich ihn langsam in meine Richtung lenken.
Lange Fluchten legt er nun nicht mehr hin, jedoch stellt er sich immer wieder nahezu bewegungslos an den Gewässergrund und ich muss jedes mal viel Druck ausüben um ihn wieder in Bewegung zu bekommen. Das Spiel geht nun schon eine ganze Weile so. Dann kommt der Fisch 10 Meter vorm Ufer das erste Mal hoch und ab jetzt bin ich wieder Herr der Lage. Zwei Minuten später gelingt der erste Kescherversuch.

Geschafft: Über 25 Pfund!

platzGeschafft: Über 25 Pfund!
Als ich den Kescher anheben will (ich muss ihn an dieser Stelle eine kleine Böschung heraufheben) denke ich der Kescher habe sich irgendwo am Boden verhakt.
Mit ein bisschen mehr Krafteinsatz lässt er sich jedoch anheben und fühlt sich ganz schön schwer an. Das dieser Fisch größer ist als die Fische die ich sonst so fange realisiere ich erst als ich den Kescher auf der Matte öffne und im Schein der Kopflampe - die ich erst jetzt zum Haken lösen angeschaltet habe – den Fisch das erste Mal sehe.

„Was für ein Kopf!“ schießt es mir durch denselben ! Als ich den Kescher ganz öffne scheint der Fisch gar kein Ende zu nehmen, ein herrlicher Spiegler – definitiv der größte den ich bisher gefangen habe.
Die Waage bestätigt dies mit einem Gewicht von 13½ Kilogramm – 27 Pfund! Wahnsinn, damit habe ich nicht gerechnet. Es war mein Wunsch gewesen, dieses Jahr einen Fisch über 25 Pfund zu fangen. Dies ist für mich im Moment noch eine magische Grenze die ich bisher nicht überbieten konnte und jetzt ist es passiert – Unbeschreibliches Gefühl!

Punkt 11 Uhr: Der bestellte Fisch beißt auch noch
Den Boilie, der jetzt schon 2 Fische gefangen hat, lasse ich am Haar und lege ihn ein drittes Mal aus. Auch die Maisrute wird wieder scharf gemacht. Beim Versuch die Schnur der dritten Rute zu lösen, reißt diese und ich muss sie erst neu montieren bevor ich auch sie wieder rausbringe. Dies alles dauert seine Zeit, aber das ist mir egal. Ich fühle alles mögliche aber keine Anzeichen von Müdigkeit.

Irgendwann ist schließlich alles wieder hergerichtet, es ist 3.45 Uhr und ich bin hundemüde. Trotzdem dauert es noch eine Weile bevor ich tatsächlich einschlafe.
Meine Gedanken schweifen einige Tage zurück, als hier alles ganz anders angefangen hat und ich voller Selbstzweifel früher als geplant meine Sachen gepackt habe. Umso wertvoller scheint mir nun das gute Ende zu sein, dass diese Geschichte noch genommen hat.

Um 10.30 Uhr werde ich wach und Harald steht vor meinem Schirm. Ich erzähle ihm was passiert ist und er freut sich mit mir.
Danach stehen wir auf der Brücke, schauen auf den Kanal und fachsimpeln – einige Karpfen scheinen ihr Laichgeschäft noch nicht beendet zu haben, immer wieder platscht es irgendwo in Ufernähe.

Dann plötzlich ein einzelner PIEPer, wir schauen uns kurz an und ein langgezogenes PIIIEP folgt. Ich laufe zum Pod, es ist erneut die mittlere Rute die hier so einen Alarm macht. Nach kurzem Drill ist der Schuppi geschlagen, die Waage zeigt anschließend 16 Pfund.

Auf Bestellung...

platzAuf Bestellung...
Ich schaue auf die Uhr und es ist 11.10 Uhr. „Harald, guck mal auf die Uhr. Das war der Fisch, den du für 11.oo Uhr bestellt hattest.“
Wir müssen beide lachen. Sachen gibt’s...(ganz abgesehen von der Tatsache, dass ich alle 3 Fische auf ein und denselben Boilie gefangen habe !)

Um 11.45 Uhr fährt Harald wieder los und ich mache die Rute nicht wieder fertig sondern packe langsam meine Sachen zusammen. Ich bin durch und durch zufrieden. Und so macht es mir auch nichts mehr aus, dass ich die nächsten 3 Wochen wohl nicht mehr zum Fischen kommen werde....


Tight Lines - Ernst


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